Zugzwang

von

 

 

Ich habe mir bei diesem kleinen Ereignis auf die Schulter geklopft, weil ich nicht dem «Zug«-Zwang verfallen bin. Und das ist tatsächlich im Zug passiert!

Die Tage bin ich inspiriert und zugleich im guten Sinne erschöpft in den Zug eingestiegen, um wieder nach Hause zu fahren. Im ICE gibt es ganz vorne beim Lokführer ein kleines Abteil mit Ruhezone pur. Da wollte ich mich einlullen. Wollte, denn ein junger Herr, vielleicht 30 Jahre alt, machte seine geschäftlichen Gespräche in Bild und Ton und ohne Kopfhörer. Spannend war es ja, was er da alles versicherungsmäßig für Freundschaftsspiele von Fußball-Bundesligisten im Ausland koordinierte, in so jungen Jahren. Und der Tisch an der Frontseite bei dieser ICE-Variante war ein großer Tisch.

Doch im Laufe der Zeit fühle ich mich mehr gestört, denn ein Gespräch reihte sich an das nächste. So stand ich auf, knapp zwei Meter auf der anderen Seite des Ganges, und sprach den jungen Herrn an: »Ich verstehe ja, dass das hier ein angenehmer Arbeitsplatz ist. Doch ich möchte in der Ruhezone auch meine Ruhe haben.« Seine Antwort: »Hier ist FFP2 Massenpflicht und Sie haben eine OP-Maske an.« Das war sehr pfiffig, denn ich hatte in der Tat keine Lust gehabt, diese andere Maske anzuziehen. Meine Antwort, nicht ganz so pfiffig: »Jetzt weichen Sie aber aus!« Der junge Herr willigte sofort ein, bis zum nächsten Haltepunkt - es war noch eine halbe Stunde bis Köln - keine solchen Gespräche mehr zu führen.

Dem war dann auch so und zugleich fühlte ich mich nicht ganz rund. Ich wusste erst gar nicht, woran das lag. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich wahrnahm, dass eine wenn auch feine Stimmung vorhanden war im Sinne von »Ich habe gesiegt.« Das war es, dass fühlte sich doof an. Dann war schnell klar, dass ich mich beim Ausstieg auf jeden Fall für sein Verständnis bedanken möchte, verbunden mit dem Wunsch nach gutem Wirken weiterhin. Köln war da, er packte seine ganze Hardware zusammen und ich tat und sprach in diesem Sinne: »Ich möchte mich bei Ihnen für Ihr Verständnis bedanken und wünsche Ihnen weiterhin gutes Wirken.« Ich war schon ein wenig überrascht, wie aufgeräumt der junge Herr mir ins Gesicht lächelte und dass es ja auch wirklich nicht schön war und er mich verstehen könnte.

Jetzt war alles rund, es gab keinen Sieger und keinen Verlierer. Ich hatte den Zugzwang gesehen, in diese Polarität hinein zu tappen. Ich hatte wahrgenommen, dass zumindest mir das überhaupt nicht guttut. Die Bösen und die Guten, die Besseren und die Schlechteren, Täter und Opfer und was weiß ich noch. Das alles gibt es, seitdem es Menschen gibt. Und jetzt zeigt es sich so offensichtlich in der Welt, damit es der Veränderung zugänglich ist. Wenn wir denn wollen. Und zuerst bin ich gefragt, ob ich denn dazu bereit bin.

Ja, an dieser Stelle bin ich bereit gewesen. Eine schöne Übung. Die mir nicht immer so gelingt. Doch hoffentlich immer öfters. Es machte und macht mich froh im Herzen. So klein scheint das Ereignis wohl gar nicht gewesen zu sein ...

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