Weihnachten ist noch nicht vorbei ...

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Es ist der 24. Dezember 2018 frühmorgens. Ich stehe auf, um zur Toilette zu gehen. Da ist etwas komisch, das spüre ich, kurz bevor ich mich vom Klo erhebe. Ich weiß nur noch den Gedankenblitz: »Jetzt wird gleich etwas passieren!« Und dann wache ich mit einem lauten Schrei ein paar Sekunden danach wieder auf, in einer Blutlache vor der Toilettentüre liegend. Meine Frau kommt sofort gerannt, legt meinen blutenden Kopf auf Handtücher und ruft den Rettungswagen.

In der Notaufnahme des Krankenhauses angelangt werde ich gleich untersucht. »Sie hatten ja schon einen Schlaganfall. Wir finden auf Anhieb nichts ähnliches, doch möchten wir Sie zumindest über die Feiertage hierbehalten.« Muss das denn sein? Und zugleich spüre ich in mir eine Akzeptanz der Situation. Meine Frau, zudem geschult durch ihre Profession, strahlt keinerlei Panik aus, ist einfach nur mit ihrer Liebe dabei.

Ich komme in ein großzügiges, modernes Krankenzimmer. Ist ja schon mal was. Ein Zweibettzimmer, ein Bett ist schon belegt. Wäre lieber allein. Am Fenster steht ein älterer Mann zusammen mit einer Frau, deren fast schon feindseliger Blick mich trifft. Willkommen bin ich also nicht, oder? Die Eheleute verabschieden sich zügig. Der Achtzigjährige und ich sind nun allein.
Überraschend für mich: Die notwendigen Untersuchungen laufen auch an solch einem Feiertag gleich an und das ursprüngliche Gefühl, lieber alleine zu sein, wandelt sich an diesem Weihnachtstag: Der Zimmergenosse ist sehr rücksichtsvoll.


Ich weiß es nicht mehr genau, ist es am ersten Abend oder am Morgen des Folgetags: Unvermittelt, ohne Einleitung, hebt der Mann an: »Wissen Sie, wir haben vor einem Jahr unsere Tochter verloren. Sie lebte in den USA mit ihrem Mann. Er hat sie erschossen.«      
Stille. Es ist ein Unvermögen in mir, diese Situation aufzunehmen. Dann: Es gibt hier nichts zu sagen. Ich habe kein Mitleid, jedoch tiefes, tiefes Mitgefühl, ohne dieses Ereignis überhaupt umfassen zu können.
Der Achtzigjährige fährt nach einigen Sekunden - oder Minuten - fort, offensichtlich von sich selbst überrascht: »Bitte sagen Sie nichts zu meiner Frau! Dass das nun auch noch jemand anderes weiß, das ist zu viel für sie.« Jetzt verstehe ich die Anfangssituation, als ich in dieses Zimmer eingetreten bin: Hier kommt jemand Fremdes in eine besondere Intimität, welche dieses Ehepaar selbst noch nicht – oder nie - tragen kann.
Ich ahne, dass ich ein ganz großes Weihnachtsgeschenk bekommen habe, ein Vertrauen von einem Menschen, in seinen mit Verzweiflung und Aussichtslosigkeit erfüllten Abgrund hineinschauen zu dürfen. Welch ein Weihnachtsfest ...


Meine Untersuchungen ergeben keinen besonders beunruhigenden Befund außer gewisse Unregelmäßigkeiten am Herzen, die ich unter Beobachtung halten solle. Nach den Feiertagen darf ich nachhause gehen, der Mann erst einen Tag später.

Die paar Utensilien sind gepackt, meine Liebste steht auch schon an der Krankenzimmertüre und ich verabschiede mich von dem Achtzigjährigen. Besser gesagt, will mich verabschieden, denn da ist ein unmittelbarer Impuls, ihn zu umarmen. Dieser Mensch ist die Tage, die wir zusammen gewesen sind, immer sehr zurückhaltend und achtsam gewesen. Kein einziges Mal hat er geklagt. Was für eine große Seele! Und was tue ich zum Abschied? Ich lasse ihn, wenn auch mit herzlichen Worten zurück, ohne ihn zu umarmen, so als würde ich ihm etwas antun, wenn ich ihn in meine Arme schließe.


Zuhause angekommen spüre ich nicht gleich, was da eigentlich geschehen ist. Doch es wird immer klarer: Ich habe ihm und mir etwas angetan. Ich bin nicht meinem Impuls der Menschlichkeit und der Liebe gefolgt. Bitter, ja. Habe ich daraus gelernt? Hoffentlich. Indem ich dies aufgeschrieben habe, beginne ich mir zu verzeihen, wirklich zu verzeihen.

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