Ich habe keine Meinung!

von Emil Schmidt

Die Tage habe ich am Morgen einen Rundfunkkommentar gehört mit dem Thema, bei all der Informationsflut einfach mal keine Meinung zu haben: Burka ja oder nein, Türkei in die EU ja oder nein, was weiß ich noch. Es sind ja fast stündlich Meinungen gefragt und Stellungnahmen werden gehört und fordern auf, selber eine Stellungnahme abzugeben.

Dazu las ich noch in einem Finanznewsletter von Stephan Kaiser eine schöne Bemerkung: »Sollte die Welt untergehen und ich bin darüber nicht informiert, so ist mir das egal. Wenn es soweit ist, werde ich es mitbekommen.«

Es hat ja auch etwas von Massenbewusstsein, diese »Be-Eindruckung« zum Beispiel durch die Bilder, die Bilder im Fernsehen bei Nachrichten immer gleich über ein paar Tage hinweg. Ich habe bei mir bemerkt, wie sie sich richtig festsetzen können, obwohl ich doch aufmerksam wahrnehme, geht das in das Unbewusste der Zellen und ich bin plötzlich beim: »Das könnte doch die Wahrheit sein, dieser Krieg dort, diese Auseinandersetzung hier, diese Rede.«
Es erfordert eine hohe Aufmerksamkeit, sich ein bisschen zu distanzieren, und das zugleich ohne Gleichgültigkeit.

Da kam mir wieder in den Sinn, was ein kluger Geist mal geschrieben hat: »Bei jedem Krieg stirbt eines zuerst: die Wahrheit.« Damit meine ich jetzt nicht nur den Krieg im Großen draußen, sondern auch den Krieg im Kleinen, im persönlichen, den wir auf irgendeine Art kennen und nicht Krieg nennen.

Wie wäre es also, wenn wir noch unentschieden sind, wenn wir uns nicht auf die eine oder andere Seite schlagen, wenn wir nicht gleich in die Polarität gehen wie etwa: »Das ist das Gute, das ist das Schlechte. Dort sind die dunklen Mächte und hier sind die hellen Geister, sondern in uns - und das ist natürlich eine Übung - es reifen lassen, was ist im Moment unsere, meine Wahrheit.

Da kenne ich mich selbst, wie ich in den auslaufenden 68er Jahren an der Uni als Revoluzzer unterwegs war und genau meinte zu wissen, was richtig und was ist falsch, gegen wen ich unbedingt kämpfen und auf welche Seite ich mich unbedingt schlagen muss.

Wie wäre es also, wenn ich eine Brücke schlage zwischen dem, was in mir ist - das ist schwer zu beschreiben, diese innere Gewissheit - und der Welt »da draußen«. Dabei kann auch eine Situation entstehen, in der ich sage: »So nicht!« und mich einmische oder eine Entwicklung mitgestalte. Oder eben auch nicht.

Es gibt ein Gewahrsein in mir, das ist mir viel wichtiger, als sich auf eine Seite zu schlagen. Wenn es wirklich für mich von Bedeutung ist, werde ich innerlich wissen, was zu tun und was zu lassen ist.

Also: Heute einmal ein Hoch auf die Unentschiedenheit, nicht auf der Oberfläche der Bewegungen in der Welt, sondern im Inneren ein Hoch auf: »Ich habe keine Meinung, doch ich weiß, was in mir wirklich stimmig ist!«

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