Mein »Bester Fehler« des Monats

von Emil Schmidt

Nett ist es ja zu lesen, wenn alles immer wunderbar klappt, die Erfolge da sind und nicht von Problemen, geschweige denn von so genannten »Fehlern« gesprochen wird. Zumindest weiß ich von mir, dass ich vieles aus meinen Fehlern gelernt habe, lerne und noch weiter lernen werde. Und dass ich mittlerweile keine Angst mehr vor »Fehlern« habe, weil diese letztlich keine sind, sondern Lernchancen. So merkwürdig das klingt, diese Lernaufgaben sind auch noch von mir selbst »gewählt«, um weiter zu lernen. Doch davon gleich.

Ob das nun eine neue Reihe wird mit meinen »besten Fehlern des Monats«? Es wird sich zeigen, zumindest will ich mit einem anfangen, verbunden mit der Vermutung, dass Sie als Leserin und Leser auch manches davon profitieren können.

Also dann:
Vor einigen Monaten habe ich eine Freundschaft beendet, weil es für mich schon länger nicht mehr stimmte. Altes wiederholte sich, »Frischluft« fehlte immer häufiger in unseren Gesprächen.

Vor gut einer Woche bekam ich nun einen Anruf von dem Exfreund mit der Bitte, wir mögen uns wieder treffen. Er hätte mir etwas Wichtiges zu sagen. Ich spürte keinerlei Freude auf diese Begegnung, sagte trotzdem zu. Der zweite und eben nicht der erste Impuls in mir war ein Entgegenkommen diesem Menschen gegenüber. Dabei übersah ich mich.

Die Konsequenzen waren direkt spürbar: Die Woche über bis zu diesem Treffen spielte sich ein Gedankenrad ab mit dem, was ich wohl sagen werde, in welcher Box der Exfreund lebt und deswegen die Freundschaft für mich nicht mehr gestimmt hatte usw. und so fort. Meine bewährten Übungen und »Werkzeuge« halfen zwar auch, doch verspürte ich, wie ich mit diesen Gedanken und Empfindungen den Verlust meiner Energie zuließ.

Der Tag der vereinbarten Begegnung kam und der Exfreund kam nicht. Doch bei mir kam zwei Tage später die entscheidende Erkenntnis: Ich selbst habe in der eigenen Box gelebt, habe den Anderen beurteilt und schon begonnen, zu verurteilen. Ich selbst habe mir diese neue/alte Situation noch einmal geschaffen, um diese Einsicht zu verspüren. Ziemlich unangenehm, wo ich doch bisher meinte, darüber hinaus zu sein. War ich eben nicht. Mich im Spiegel des Exfreundes zu sehen und zugleich zu verspüren, dass ich zu lange gewartet habe mit dem Beenden der Freundschaft, ist das Unangenehme gewesen.

Kurz bevor ich diesen Artikel nun einstellen will, kommt plötzlich ein Anruf von dem Exfreund. Er hatte den Termin versäumt. Wir führen ein persönliches Gespräch, in dem er sich überraschend offen und verwundbar zeigt. Schön, so kann ich nun mit einem neuen Gefühl von Respekt ihm gegenüber die Sache abrunden.

Also gibt es doch gar keine »Fehler«? Sieht so aus, alles ist letztendlich gut. Gut, wenn ich es so nehme wie es ist, und daraus einen weiteren Schritt in meiner persönlichen Entwicklung gestalte.

Auf der Oberfläche ist es natürlich ein »Fehler« gewesen, die mangelnde Treue zu mir selbst. Tief darunter ist die Wahrnehmung meiner Überheblichkeit, ich wüsste besser Bescheid über das, was für den anderen stimmt oder nicht stimmt und, ich könnte mit Missionieren beim Anderen vielleicht doch etwas bewirken. Wo ich meinte, sowas würde mir nicht mehr passieren …

Nun gibt es noch kleine Gedankenwellen, kein Vergleich allerdings zu der Woche vorher. Die Einsicht, dass ich nicht besser oder schlechter wie derjenige Mensch bin, der einfach ein anderes Lebenskonzept gewählt hat, breitet sich weiter in meinen Zellen aus.

Ich bin hier auf dieser Erde, um dasjenige Leben zu gestalten, das ich in jedem Moment wähle, ob mir das nun bewusst oder unbewusst ist. Ich hab das wohl gebraucht, diesen »besten Fehler des Monats«, um wach zu bleiben, um Demut und innere Gewissheit weiter zusammenkommen zu lassen.


Was habe ich gelernt? Jemandem einen Gefallen tun, ohne dass es bei mir von Herzen kommt, stimmt nicht. Obwohl ich dachte, sowas mache ich nicht mehr. »Dachte« ich eben nur.
Vom Perfektionismus bin ich schon lange weg. Gerade in der persönlichen Entwicklung kann sich dieser Perfektionismus besonders subtil einschleichen. Im Lateinischen bedeutet das Wort »perfekt« sinngemäß, etwas durchmachen, zu Ende bringen, von »per-facere« abgeleitet. Auch wenn es zuerst alles andere als schön ist, bis zu dem Moment, wo ich es voll und ganz angenommen habe und damit auch zu Ende bringe.

Ich höre gerne von »Fehlern« Anderer, weil sie mir den eigentlichen Witz beim »Scheitern« rüberbringen: Wenn ich als Mensch nicht auch scheitere, mache ich etwas »falsch«.


In diesem Sinne wünsche ich mir, dass wir uns öfters unsere »Fehler« erzählen und damit unser Leben mindestens mit einem Schmunzeln oder sogar Lachen bereichern. Ganz abgesehen von der Weitung unseres Bewusstseins im Dienste von uns selbst und als natürliche Konsequenz im Dienste aller.

Wer weiß, von welchen »Chancen« ich als nächstes hier berichte … oder jemand anderes im Kommentar ...

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Kommentar von Daniela Woppowa |

Wer kennt das nicht, Fehler zu machen .... sehr sympathisch, dass Sie zu Ihrem "Fehler" stehen; gerade in der heutigen Zeit, in der Fehler oder das Eingestehen von Fehlern einem "Todesurteil" gleichkommen - vor allem, wenn dies auch noch öffentlich geschieht. Ich erlebe es viel zu selten, dass Menschen zu ihren Fehlern stehen; es wird vertuscht, verheimlicht, auf Andere projiziert usw. Wie schön ist es da, wenn jemand sich selbst treu ist, zu seinen Schwächen, Fehlern, "Überheblichkeiten" steht und somit Anderen zeigt, wie menschlich und vor allem glaubwürdig er ist. Auch ich kenne das Gefühl von "Überlegenheit" und "besser wissen als der Andere" (manchmal geht der Jupiter einfach mit mir durch :-) ) und auch ich kenne das Gefühl, wenn einem wieder bewusst wird, dass man eben nicht besser ist als der Andere oder nicht besser weiß, was für den Anderen gut ist. Das sind dann die Momente, in denen man innerlich wieder ruhig wird, ganz bei sich selbst ist und losgelassen hat.