Ganz und gar nicht »konzertante« Momente … oder doch?

von Emil Schmidt

Meine Frau und ich sitzen die Tage in einem Jubiläumskonzert zum siebzigjährigen Bestehen des Kölner WDR Sinfonieorchesters. Martin Grubinger, der ungewöhnliche und sehr sympathische Schlagzeuger ist der markante Anziehungspunkt. Vor Konzertbeginn testen wir aus bestimmten Gründen unsere beiden Handys. Da wir keine üblichen mobilen Nutzer sind, kommen wir gar nicht auf die Idee, unsere Mobiltelefone wieder auszuschalten.

Was passiert dann solchen Leuten wie uns?

Zuerst klingelt Karins Handy, zum Glück an einer lauteren Stelle der Musik. In der Umgebung unseres Sitzes drehen sich schon Leute um und Karin wirft verzweifelt Ihre Jacke über die Handtasche. Das machen wohl solche Nutzer wie wir :-)
Die nächsten ein bis zwei Minuten geht die Musik weiter und plötzlich fällt mir ein: Habe ich vielleicht mein Mobiltelefon auch noch an? Hektisch greife ich in die Tasche und in dem Moment klingelt es auch schon. Zum Glück habe ich soeben durch Karins Verhalten gelernt, dass ich es ganz schnell ausschalten soll. Und die Musik war auch immer noch laut.

Auf der Fahrt nachhause erholen und amüsieren wir uns von diesem Schock und über unseren »musikalischen« Beitrag zum Konzert in der Kölner Philharmonie, das auch noch vom Fernsehen aufgenommen wurde.

Das eigentliche Highlight jedoch geschieht in der Minute vor der Konzertpause. Mir fällt schon länger in der vielleicht vierten oder fünften Reihe ein vermutlich spastisch gelähmter Junge auf, der vor Konzertbeginn von seiner Mutter mit entsprechender Anstrengung hereingekommen ist. Nach seiner Zugabe hüpft Martin Grubinger von der Bühne auf genau diesen Jungen zu und überreicht ihm zwei seiner Perkussionsticks. Das alles macht Grubinger ganz unspektakulär, indem er sofort wieder auf die Bühne zurückgeht. In strahlender Freude und mit seinen zuckenden Bewegungen blickt sich der Junge um, von langanhaltendem Beifall umtönt. Und dann geschieht für mich der Höhepunkt dieses Konzerts:
Während der Beifall andauert, hält der Junge plötzlich in seinen Zuckungen inne und wird still. Durch mich strömt eine Empfindung, als würde »Etwas« in dem Jungen ankommen.
Ob das wirklich so gewesen ist, kann ich weder einschätzen noch ist es wichtig. Denn diese Minute hat auf und für mich bis jetzt eine besondere Wirkung, nicht in Worten fassbar.

Ich bin sehr dankbar für diese beiden »konzertanten« Ereignisse. Sie haben mich wieder ein Stück näher zu mir geführt. Wenn demnächst in einer öffentlichen Veranstaltung das Mobiltelefon eines Besuchers klingelt, kann ich nachempfinden, wie es einem damit gehen kann. Und der innerlich genervte Blick auf diesen Menschen bekommt weniger Chancen, bei mir Einzug zu halten.

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